Digitalisierung und Innovation sind kein Selbstzweck

Digitalisierung und Innovation sind kein Selbstzweck

Innovation und Digitalisierung – zwei Begriffe, die seit ein paar Jahren oftmals synonym in aller Munde sind. Es liegt im Trend die Möglichkeiten, die Innovation und Digitalisierung für das eigene Unternehmen bieten, in den schönsten Farben darzustellen. Aber rückblickend werden die Erwartungen nicht immer erfüllt, die ein Unternehmen in diese Themen gesetzt hat. Wie häufig Initiativen aus Innovation und Digitalisierung Schiffbruch erleiden, wird meist verschwiegen - und oft nicht einmal intern analysiert. So verpuffen viele gute Ansätze und Ideen.

Um das zu vermeiden und nachhaltig erfolgreiche Innovationen zu erzeugen, sollte man sich darüber klar werden, was genau man darunter versteht. Dabei bieten sich die folgenden Fragestellungen an:

  • Was verstehen wir unter Innovation?
  • Warum wollen wir Innovation? Wem soll sie nutzen bzw. was treibt sie an?
  • Welchen Beitrag kann Digitalisierung leisten?
  • Wie viel Zeit, Ressourcen und Beachtung schenken wir dem Thema Innovation?
  • Wie gehen wir mit Innovationswiderständen um?

Diese Fragen sind nur vermeintlich einfach und schnell beantwortet. Beschäftigt man sich tiefergehend mit den Fragen, dann wird schnell deutlich, dass einige konzeptionelle Vorarbeiten nötig sind, um zu den gewünschten Ergebnissen zu kommen.

Eine grundlegende Frage ist z.B., was das Unternehmen mit Innovationen erreichen will. Sind inkrementelle Veränderungen ausreich-end oder geht es um eine disruptive Idee, die einen Markt oder eine Anwendung völlig neu definiert? Beides ist natürlich zulässig, allerdings muss das Innovationsmanagement je nach gewähltem Schwerpunkt unterschiedlich ausgerichtet werden. Auch das Projektteam ist dann entsprechend dieser Vorauswahl anders zusammenzustellen. So sind für inkrementelle Veränderungen besonders die erfahrenen Mitarbeiter gefragt. Bei disruptiven Ansätzen sind umgekehrt diejenigen wichtig, die im Tagesgeschäft noch frisch sind und Prozesse neu und „unbelastet“ denken.

Abb. 1: Innovationsarten im Kraftfeld von Markt und Technologie

Im ersten Fall ist der Innovationsgrad in sich begrenzt, während im zweiten Fall (disruptive sowie breakthrough innovation (s. Abb. 1)) die Umsetzungsfähigkeit typischerweise erschwert ist. In beiden Fällen sind Markt-, Prozess- und Kundenkenntnis essenziell, um diese Fallstricke zu umgehen bzw. abzumildern. Vor allem bei etwas radikal Neuem ist es unerlässlich, sich auch mit dem Investitions- und Vermarkungsaufwand zu beschäftigen. Denn in diesem Fall ist nicht nur die Entwicklung an sich zeit- und kostenintensiv, sondern auch die Einführung in den Markt kostet viel: der Nutzer muss von den Vorteilen des vollständig neuen Produkts erst noch überzeugt werden. Mit anderen Worten: eine neue Technik oder neue Prozessideen allein sind kein gutes Motiv für die Innovationssuche.

Das gilt auch - und gerade - für Fragen der Digitalisierung. Wir beobachten häufig, dass Unternehmen unter dem Mantel der Digitalisierung einen viel zu starken Fokus auf das „technisch Mögliche“ legen. Da geht es dann vor allem um die Frage, welche Daten zur Verfügung stehen und was man damit wohl machen kann. Dabei sollte die Technik Mittel zum Zweck sein. Im Fokus müssen auch hier der Kunde bzw. der Markt mit seinen Bedürfnissen stehen. Es geht also nicht um die Digitalisierungsmöglichkeit von etwas an sich, sondern beispielsweise um die Frage, welche konkrete Problemlage meiner Kunden ich mit Hilfe digitaler Technik lösen kann.

Eine sorgfältige thematische Vorbereitung ist also unentbehrlich, wenn Innovations- und Digitalisierungsprojekte erfolgreich sein sollen. Denn eine Neuerung wird nur dann zur erfolgreichen Innovation, wenn der Übergang ins Tagesgeschäft funktioniert. Oftmals scheitert die Innovation nicht an der eigenen Qualität, sondern an organisatorischen und emotionalen Ursachen. Unsicherheiten im Umgang mit dem Neuen, eine „not invented here“-Haltung oder schlicht fehlende Anreize, das „Upscaling“ sicherzustellen, sind unserer Erfahrung nach mit Abstand die größten Störfaktoren.

Daher nähern wir bei Sapherior uns diesem Thema auch nicht über separierte Innovationslabore oder Kreativräume. Wir fokussieren uns stattdessen auf die Zusammensetzung der Teams, den übergreifenden Dialog der Beteiligten im Unternehmen und den Austausch mit dem Kunden – ganz gleich ob es um Prozessveränderungen, neue Geschäftsmodelle oder Produktinnovationen geht. In unseren Augen machen digitale Prozesse und neue Angebote nur Sinn, wenn das geplante Return of Investment von Beginn an mitgedacht wir. Das ist nicht zuletzt deshalb wichtig, weil dann von Beginn an auch klar wird, dass man nicht an allen denkbaren Digitalisierungsstellschrauben zugleich drehen kann – und auch nicht sollte. Denn nur so werden Digitalisierung und Innovation nicht zum Selbstzweck, sondern entwickeln für Ihr Unternehmen nachhaltigen Nutzen.

Innovationen in der Chemie-Industrie

Die Chemie-Industrie ist eine Branche, deren Produkte und Produktionsprozesse sich im Allgemeinen durch Stabilität und Profitabilität auszeichnen. Chemische Innovationen selbst, wie bspw. das Polycarbonat, und disruptive Innovationen sind heutzutage die Ausnahme. Vielmehr waren in den vergangenen Jahrzehnten verbesserte Transparenz und Nutzung von Lernkurven (KVP) die Auslöser für Veränderungen der Produktionswege oder für neue Produkte.

Allerdings wird sich diese Situation ändern: Nachhaltigkeit und Umweltschutz spielen heute eine zunehmend größere Rolle in der Gesellschaft. Daher sind auch die Chemie-Unternehmen gefordert, hierfür neue, weiterführende Antworten zu finden. Das zeigt sich bereits in vielen Nachhaltigkeits-Berichten, die jährlich veröffentlicht werden. Themen wie Kreislaufwirtschaft, Bioraffinerien oder Carbon Capture & Storage (CCS)-Verfahren machen deutlich, dass sich bereits einiges tut, was die Voraussetzungen für die chemische Produktion grundlegend verändern wird. Wie unterschiedlich die Beiträge der Chemie hier sein können, zeigen die folgenden beiden Beispiele:

  1. Das Grillo-Verfahren zu MSA: Mit diesem Verfahren lässt sich Methan, trotz seiner Reaktionsträgheit, in einem kosteneffizienten Verfahren zu Methansulfonsäure (MSA) funktionalisieren, die viele Anwendungen in der Galvanik, Elektronik, in der Pharma- und Reinigungsmittel-Industrie hat. Aber warum ist dieses Verfahren revolutionär? Der Einsatz von Methan wäre ein potenzieller Ersatz für erdölbasierte Rohstoffe, brauchte bisher aber zu viel Energie und brachte nur sehr geringe Ausbeuten. Im neuen Verfahren konnte bei moderaten Bedingungen, ohne teure Katalysatoren und mit mehr als 90%iger Ausbeute eine beachtliche Funktionalisierung durchgeführt werden. So entsteht quasi eine „grüne MSA“, die ohne toxische Zwischen- oder umweltschädliche Nebenprodukte bei relativ geringem Energieverbrauch produziert werden kann. Ein Verfahren, das das Zeug hat, den Markt für Säuren nachhaltig zu verändern.
  2. Die Intertrac-Tools von AkzoNobel: Hier spielt die Digitalisierung eine tragende Rolle bei der Entwicklung und Vermarktung neuer Dienstleistungen. Das Tool „Intertrac Vision“ wurde für die Schifffahrt entwickelt und kann Vorhersagen über Treibstoff- und CO2-Einsparungen machen, die bei Verwendung spezieller Bewuchsschutz-Beschichtungen des Schiffsrumpfs erreicht werden können. Dazu nutzt es Daten des ursprünglichen „Intertrac“-Tools, das die lokalen Verschmutzungen des Schiffsrumpfes auf den Handelsrouten analysieren kann. Kombiniert mit hydrodynamischen Analysen ergibt sich daraus die optimale Beschichtung. So kann neben dem Schutz des Schiffes auch eine Einsparung an Treibstoff und damit an CO2-Emissionen erreicht werden. Sinnvoll angewandte Digitalisierung – kein Selbstzweck.

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